Unterstützung Deines Teams bei der Begleitung am Lebensende

“Sabrina, ich kann das nicht. Kannst Du bitte kommen, wenn es ernst wird?”

 

Mit diesem Satz konfrontierte mich vor vielen Jahren eine Altenpflegerin am Ende meines Frühdienstes.

Eine Bewohnerin lag im Sterben.

Man ging davon aus, dass es bald soweit sein würde.

Sie war die zuständige Fachkraft im Spätdienst.

Sie hatte Angst vor dieser Situation, fühlte sich überfordert.

 

Ich war vollkommen perplex. Ich hatte damit nicht gerechnet.

Ähnliche Situationen habe ich im Laufe meiner Jahre als Führungskraft immer wieder erlebt.

 

Und immer wieder habe ich mich gefragt:

Was kann ich als Führungskraft in solchen Situationen tun?

Was kann ich machen, um meine Mitarbeiter optimal zu unterstützen?

Was kann ich machen, um sie auf solche Situationen vorzubereiten?

Was kann ich tun, um ihnen die Angst zu nehmen?

 

Gemeinsam mit Corinna und Pia von Traudichkeit haben wir 7 Tipps für Euch zusammen gestellt, wie Ihr Euer Team und Eure einzelnen Mitarbeiter bei ihrer Arbeit in der Sterbebegleitung unterstützen könnt!

1. Tipp: Vertrauensvolle Basis

Führungskraft: „Warum bist Du denn nicht gleich zu mir gekommen? Du weißt doch, dass Du immer kommen kannst, wenn was ist.“

 

Wissen Deine Mitarbeiter das wirklich?

 

Als Führungskraft gehen wir oft davon aus, dass unser Team uns aktiv anspricht, wenn es Probleme oder Unklarheiten gibt.

Davon können und dürfen wir aber nicht ausgehen!

 

  1. Betone gegenüber Deinem Team immer wieder (Du kannst es eigentlich nicht oft genug machen), dass sie sich bei Problemen, Sorgen oder Ängsten an Dich wenden dürfen und sollen! Dafür bist Du da!

 

  1. Halte dieses Versprechen auch!

Ute: „Hast Du kurz Zeit?“

Führungskraft: „Heute ist es ganz schlecht, ich muss gleich weg zur Schulung.“

Du Führungskraft hat vielleicht vermutet, dass es mal wieder um das „ewige Dienstplan-Thema“ geht. Was aber, wenn es diese Mal um etwas Akutes geht, das nicht warten kann – z.B. um Probleme in einer Sterbebegleitung?

Hinterfrage bei zeitlichen Engpässen IMMER worum es geht, bevor Du Mitarbeiter vertröstest – solche Gespräche können nicht warten!

 

  1. Achte auch auf eine wertschätzende Kommunikation in anderen Bereichen.

Beispiel: Ute kommt in einer Woche zum 20. Mal, weil sie in der EDV-Doku mal wieder den Reiter für die Risikoerfassung nicht findet. Du bist mittlerweile genervt und Ute bekommt das auch deutlich zu spüren – „Schreib Dir das halt endlich mal auf – ich habe gerade selber so viel um die Ohren!“ Nachvollziehbar, wenn Du vielleicht so denkst, aber beachte: Wenn Ute das Gefühl hat, sie soll Dich damit nicht mehr „nerven“ – wird sie Dich vielleicht künftig auch bei anderen Problemen nicht mehr kontaktieren – „Ina hat gerade so viel zu tun, ich krieg das schon hin.“

2. Tipp: Haltung als Führungskraft

Um Deine Mitarbeiter bei dieser Arbeit optimal unterstützen zu können, musst Du Dir Deiner eigenen Haltung zu diesem Thema bewusst sein.

 

Hier ein paar Fragen, die Dir dabei helfen können, hierzu mehr Klarheit zu erlangen:

 

“Was fordert mich selbst in der Begleitung von Patienten/Bewohnern und Angehörigen am Lebensende heraus? Was fällt mir schwer, was fällt mir leichter?”

 

“Was ist mir bei der Begleitung besonders wichtig und warum?”

 

“Welche Werte (auch in Bezug auf das hausinterne Konzept und das Leitbild der Einrichtung) sollen aktiv gelebt und umgesetzt werden?”

 

Wenn Du all diese Fragen beantwortet hast, darfst Du folgende Punkte beachten:

 

  1. Sei Transparenz – all diese Antworten dürfen für Dein Team sichtbar und hörbar gemacht werden.
  2. Lebe, das was Du Dir von Deinem Team wünschst, selbst aktiv vor – gerade als Führungskraft an der Basis hast Du die Möglichkeit dazu!

 

  1. Außerdem könntest Du die Haltung Deiner Mitarbeiter als “Team” hinterfragen –

“Was ist UNS wichtig?”

“Wofür möchten WIR stehen?”

“Wie möchten WIR begleiten?”

3. Tipp: Wertschätzung

“Der sitzt nur am Bett, während wir uns hier die Hacken wund laufen!”

 

Wer hat diesen Satz noch nicht gehört?

Unbedacht fallen solche Worte in Hektik, Stress und Anspannung schnell, aber sie vermitteln eines nicht – Wertschätzung gegenüber den Kollegen, die begleiten und einfach “da sind”.

 

Sterbebegleitung hat oft nichts mit körperlich schwerer Arbeit zu tun. Auch die Anzahl der Aufgaben ist oft verschwindend gering im Gegensatz zu den zahlreichen to dos der Kollegen “draußen auf der Station/dem Wohnbereich”.  Und doch ist es eine fordernde Aufgabe, die vor allem eines ist: WICHTIG.

 

Wir sollten sie auch als solche Aufgabe begreifen,

unserem Team dafür Wertschätzung entgegenbringen und gegenseitige Wertschätzung fordern und fördern!

 

Damit Sätze wie der obige nicht fallen, bist Du als Leitung natürlich ebenfalls gefragt.

Was kannst Du tun, um die Pflegekraft, die begleitet zu unterstützen und die Kollegen zeitgleich nicht zu überlasten?

Welche Ressourcen und Möglichkeiten hast Du?

4. Tipp: Strategien

“Ah da ist jetzt einer der mehr Unterstützung benötigt.”

 

Überlege Dir konkrete Strategien, wie Du Deine Mitarbeiter unterstützen kannst!

 

Nicht erst dann, wenn Du das Gefühl hast, dass “da ist jetzt einer der mehr Unterstützung benötigt”, sondern JETZT!

Schaffe eine Basis, um schnell reagieren zu können, wenn es zu einer Sterbebegleitung kommt und Du feststellst, dass jemand aus Deinem Team Hilfe benötigt!

 

Achtung:

Ich spreche hier nicht nur von den “Neuen” oder den “frisch Examinierten”.

Auch alteingesessene Mitarbeiter können sich plötzlich herausgefordert oder sogar überfordert fühlen, z.B. durch einen persönlichen Verlust! Vielleicht ist dieser noch sehr frisch oder immer noch so schmerzlich, dass es der Person schwer fällt sich zu distanzieren und die Emotionen sie/ihn übermannen.

 

Was kannst Du in diesen Situationen tun?

 

Hierzu kannst Du Dir auch folgende Fragen stellen:

Können solche Mitarbeiter komplett aus einer solchen Versorgung gezogen werden?

Wäre dies organisatorisch überhaupt möglich, wenn ja wie?

Gibt es Ressourcen im Unternehmen, die genutzt werden können, wie z.B. ein Seelsorger?

Wie kann ich Mitarbeiter schulen, fördern, die hier noch keine Berührungspunkte hatten und Angst haben vor dem Unbekannten – gibt es evt. Mentoren hierfür?

Wie häufig werden Mitarbeiter in meiner Einrichtung mit diesem Thema konfrontiert? Kann ein Mitarbeiter, der nicht begleiten kann oder will überhaupt in diesem Team weiterarbeiten?

5. Tipp: Focus auf den Mitarbeiter

Du hast 3 Mitarbeiter, die in einem eh schon kleinen Team aktuell keine Sterbebegleitung durchführen möchten oder aus Deiner Sicht nicht können.

 

“Wie soll das funktionieren?!!!”

 

Bevor Du Dich fragst WIE das funktionieren soll, musst Du als gute Führungskraft zunächst hinterfragen WARUM das so ist.

 

Also Focus auf genau diese Mitarbeiter!

 

Spreche mit ihnen!

Zeige Verständnis! (Auch Du könntest in eine solche Situation kommen.)

Teile mit ihnen ggf. Deine Beobachtung (natürlich wertfrei!), z.B. “Ich nehme wahr, dass…”

Ggf. Rückfragen stellen, wie “Habe ich richtig verstanden, dass…?”

Benenne Problem aus Deiner Sicht KLAR!

Benenne auch daraus resultierende Auswirkungen KLAR und eindeutig!

Sucht gemeinsam Gründe hierfür, benennt und sortiert sie und haltet sie fest!

Sucht und findet gemeinsam Lösungsansätze!

 

WICHTIG:

In solchen Situationen kann es unerlässlich sein, Mitarbeiter umgehend aus der Versorgung/Begleitung zu nehmen.

Wenn z.B. beschlossen wurde, dass ein Bewohner/Patient keine Flüssigkeit mehr erhält und ein Mitarbeiter kann diesen Weg nicht mit gehen, muss er/sie aus der Begleitung genommen werden, zumindest für’s Erste!

 

6. Tipp: Unterstützung

Nun möchten wir Dir konkrete Ideen mit an die Hand geben, wie Du Deine Mitarbeiter unterstützen kannst!

 

  1. Je nach Situation kann eine Einarbeitung in die Versorgung sinnvoll sein. Hierfür sollten zeitliche Ressourcen geschaffen werden, um Zeit für Rückfragen zu ermöglichen.

 

  1. Kann ein Teammitglied oder auch Du eine Art Rufbereitschaft übernehmen? Nach dem Motto “Wenn etwas ist und Du brauchst Hilfe – rufe an, ich bin für Dich da!”

 

  1. Überlege Dir wo Problemstellungen für den Einzelnen oder das gesamte Team liegen! Du wirst überrascht sein, dass es oftmals ähnliche oder sogar die gleichen Hürden sind. Können hierfür gezielte Fortbildungen oder Seminare angeboten werden, um dem Team mehr Sicherheit zu geben?

 

  1. Konkrete Probleme, die bei einer Versorgung auftreten (z.B. Angehörige, die in ihrer Trauer mit Wut gegen das Pflegepersonal reagieren) könnten in einer Fallbesprechung besprochen werden. Den einzelnen Mitarbeiter darf klar werden “Ich bin nicht alleine, meinen Kollegen geht es auch so. Es liegt nicht an mir.” Natürlich resultiert im Idealfall auch eine Strategie aus dieser Besprechung, wie mit dem Problem umgegangen werden kann. Ein einheitliches Vorgehen macht bei vielen Problemstellungen sinn und ist zielführender.

 

  1. Gibt es die Möglichkeit von Supervisionen während und nach der Begleitung?

 

  1. Führt Rituale ein! Rituale, die das Team in seiner Arbeit stärkt und im Umgang mit dieser Arbeit hilft und unterstützt. Diese Rituale können und sollten auch vom Team ausgearbeitet werden!

7. Tipp: Netzwerke

“Sowas brauchen wir nicht, wir haben das schon selber fachlich drauf.”

 

Solche Aussagen haben wir immer wieder gehört.

Aber warum?

 

Aus unserer Sicht zeugt das Hinzuziehen von Netzwerken nicht von Schwäche, sondern es ist zum Wohl der Person, die wir an ihrem Lebensende begleiten möchten.

 

Ob das ein SAPV-Team ist oder ehrenamtliche Helfer eines Hospizdienstes – scheue Dich nicht davor zusätzliche Hilfe anzufordern, wenn es sinnvoll ist!

Auch die Verlegung in ein Hospiz kann für Angehörige und Betroffene eine noch bessere Betreuung ermöglichen!

Wägt ab, beratet, lasst Euch beraten.

 

Im Podcast von Corinna und Pia „Das Lebensende“ findest Du passend hierzu die Episode „#007 SAPV – Spezialisten im Einsatz – mit Anthony Jyß“

Das waren unsere Tipps, die Dir dabei helfen als Führungskraft Dein Team in der Begleitung von Sterbenden optimal zu unterstützen!

Im Podcast-Interview habe ich mit Corinna und Pia über ihre Erfahrungen aus Mitarbeitersicht gesprochen!

Wo hätte ich mir mehr oder anderes von meiner Leitung gewünscht? Was hat mir besonders geholfen? 

Schau hier gerne vorbei! Unter anderem verfügbar auf Spotify und iTunes!

Solltest Du Fragen zu diesem oder anderen Themen haben, schreibe mir sehr gerne!

 

BEST LEADING FOR BEST TEAM 

Viele Grüße Ina Grunenberg 

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